Das jüngere Geschwisterkind: Herzenssache Inklusion

Ich bin nicht nur leidenschaftliche Hundebloggerin und Hobbyfotografin, sondern mit Leib und Seele kleine Schwester. Und zwar gleich von drei älteren Geschwistern. Es war nicht immer leicht, lasst euch das gesagt sein. Aber in diesem Post möchte ich nicht über das kleine Schwestern-Dasein sprechen. Vielmehr darüber wie es ist, das jüngere Geschwisterkind eines (geistig)behinderten Geschwisterkindes zu sein. 

Meine Schwester, meine beste Freundin

Meine Schwester ist fast zwei Jahre älter als ich. Ich kann mich noch richtig gut ans Großwerden mit ihr erinnern. Wir waren quasi gleichauf und fanden die gleichen Sachen toll. Meine Schwester und ich haben gemeinsam Faxen gemacht und ich wollte nirgendwo sein, wo sie nicht ist. Wir haben uns ein Zimmer geteilt, obwohl jeder ein eigenes hätte, haben können. Oft habe ich mich mit zu ihr ins Bett gelegt, damit sie mich vor den Wölfen unter meinem Bett beschützen konnte. Für mich war es eine mittelschwere Lebenskrise, dass ich nicht zu ihr in die rote Kindergartengruppe durfte. Sondern ohne sie ganz alleine in der blauen Gruppe war. Heimlich haben wir uns dann im Flur getroffen, wenn wir auf „Toilette mussten“.
Ich durfte sogar mal einen Tag mit meiner Schwester in die Vorschule und war unglaublich stolz auf sie. Und sie irgendwie auch auf mich.

Ich habe viel in meinen Erinnerungen gekramt. Ich bin mir mittlerweile absolut sicher, dass mir als Kind die Behinderung meiner Schwester nicht bewusst war. Obwohl ich von ihrer Behinderung wusste, denn es war nie ein Geheimnis.

Ich zog an ihr vorbei

Irgendwann begann ich zu merken, dass ich „an ihr vorbeizog“. Ich lernte schneller, ich konnte Dinge, die sie noch gar nicht konnte. Auch war ich sensibler und hatte eine bessere fein Motorik. Erst dann wurde mir Bewusst, was eine Behinderung ist. 
Sie lernte aufgrund einer Lernbehinderung langsamer als ich. Nichts Schlimmes. Aber ich hatte das Gefühl bei ihr kam Frust auf. Sie fand es doof, schließlich war sie doch die ältere von uns. Ich wiederum fand doof, dass sie mir meine Erfolge nicht gelassen hat und immer gesagt hat „aber ich bin doch viel älter”. 

Unsere Beziehung veränderte sich

Mit dieser Zeit nahm ich wahr, dass sich unsere Beziehung veränderte. Ich war oft genervt und wütend auf sie. Wütend vor allem deshalb, weil ich eine ganze Zeit lang geglaubt habe, sie würde von unseren Eltern mehr geliebt werden als ich. Das nur, weil sie mehr Zeit brauchte und mehr Zuwendung. Manchmal dachte ich, sie macht es mit Absicht. Sie ließ sich extra so viel helfen, nur um mich zu ärgern. Ich habe mich oft missverstanden gefühlt und habe häufig gedacht ich wäre weniger wichtig, weil ich nicht so viel brauchte. Alles ziemlich ich bezogen, oder?
Natürlich brauchte sie mehr Aufmerksamkeit, es dauerte länger ihr die Dinge zu zeigen oder erklären. In meinen jungen Jahren sah ich da nur „Moment, Mama verbringt mehr Zeit mit ihr. Mama hat sie lieber als mich!“. Es war oft so, dass wenn meine Schwester Hilfe brauchte, jede Handlung unterbrochen wurde, um ihr zu zeigen „Du musst das nicht allein machen, wir helfen dir gern“. Blöd war nur, wenn du, kleine Schwester, gerade stolz von deinem Erfolg im Sport erzählt hast. 
Was ich nie bemerkt habe, meine Mama hat sich ganz viel Mühe gegeben, dass ich diesen Phasen anderweitig meine Aufmerksamkeit und Unterstützung bekam. Vor allem von meinem Stiefpapa, meiner Patentante oder meinen anderen Geschwistern. Das wurde mir erst mit der Abiturzeit bewusst.

Die anderen jüngeren Geschwisterkinder

Meine Schwester war auf viel cooleren Schulen als ich, denn die haben viel coolere Sachen gemacht. Sie haben getanzt und hatten Entspannungsräume, sie durfte viel Basteln und draußen sein. Ich musste in diesem blöden Gymnasium hocken und Latein schon ab der fünften Klasse lernen. Ich fand vieles einfach hochgradig unfair. 
Zu ihren Schulveranstaltungen kamen immer alle mit. Alles war voll mit kunterbunten Familien, ich hab’s geliebt die anderen jüngeren Geschwisterkinder zu treffen endlich Menschen, die einen verstanden. 
Auf meinen Schulveranstaltungen war es nicht annähernd so cool, nur Spießer, Ärzte und krass musikalische Familie. Ich habe mich 100-mal wohler bei meiner Schwester gefühlt. Dort wurde man nicht schräg angeschaut, denn Anderssein war in und Anderssein war normal. 

Mit dem „Erwachsenwerden“ konnte ich meine, wohlgemerkt unbeschwerte Kindheit, voller Liebe und Zuneigung von meinen Eltern, sehr viel reflektieren.

Ich war neidisch auf meine Schwester

Im Grunde genommen war ich als Kind wirklich schwer neidisch auf das Leben, dass meine Schwester führen durfte. Sie wurde sogar mit einem eigenen Bus zur Schule gebracht und abgeholt. Ich muss jeden Morgen zur Haltestelle stapfen. Der Bus hat definitiv nicht auf mich gewartet und hast du deine Fahrkarte vergessen, kamst du zu wohl oder übel zu spät. Mit 12 Jahren war ich noch nicht wirklich in der Lage es in einen Kontext zu setzen oder so weitsichtig zu denken, dass mir diese öde Schulzeit und Schulform sehr wahrscheinlich einen Job in der „normalen“ Gesellschaft sichern wird. Ein Privileg, das meine Schwester nicht haben würde. 

Ich wollte einfach normal sein

Etwas für das ich mich heute unfassbar schäme, und wofür ich mich am liebsten vergraben würde, ist, dass ich mich oft für meine Schwester geschämt habe. Ich wollte einfach nur normal sein, am liebsten gar nicht auffallen. Dabei ist eigentlich mit das Tollste am Geschwister sein von einem Behinderten Geschwisterkind, dass man lernt, dass behinderte Menschen einfach VOLL normal sind.
Ich habe nie das Problem, dass ich nicht weiß, wo ich hingucken soll, wenn ich einen Rollstuhlfahrer sehen, ein Menschenkind mit Downsyndrom oder jemand mit einem Luftröhrenschnitt. Weil ich mich mit all diesen Menschen ohne Probleme auf Augenhöhe treffe. Wenn ich mir da manch meiner Freunde angucke, die panisch von links nach rechts gucken. Denen auf der Stirn geschrieben steht: „Was wäre jetzt politisch korrekt? Nicht hingucken, auf jeden fall. Oder doch? Oh Mist jetzt habe ich bemitleidenswert geguckt. Oh Himmel ich hab zu lange geguckt. Einfach schnell weiter und so tun, als ob ich gar nicht geguckt hab. “

Empathie & Sozialverhalten

Ich, als das jüngeres Geschwisterkind, habe ganz viel dadurch gelernt. Empathie, Sozialverhalten und vor allem einen humanen Umgang mit jedem Menschenkind. Ich habe einen Sense entwickelt mit behinderten Menschen zu interagieren in mir löst es kein Unwohlsein und Beklemmnis aus. 

Auch wenn ich mich als Kind oft missverstanden und unfair behandelt gefühlt habe finde ich, rückblickend, dass meine Mama es besser nicht hätte machen können. Ich kann für meine Schwester einstehen. Ich weiß, ich hätte mich nie schämen müssen. Aber die Defintion von Normal-Sein sowie die Gesellschaft haben mir das Gefühl gegeben ich müsste es. 

Mama, du hast das unfassbar toll gemacht. Sei stolz darauf, denn auch für die Mamas eines behinderten Menschenkindes ist es keine leichte Aufgabe.

5 Gedanken zu „Das jüngere Geschwisterkind: Herzenssache Inklusion

  1. Du hast das so liebevoll, reflektiert und treffend geschrieben! Ich finde es toll, dass du es nicht in den Himmel lobst und ehrlich erzählst wie du dich gefühlt hast, obwohl du jetzt sehen kannst wieviel Mühe deine Mama sich gemacht hat. Wahnsinnig berührend, danke, dass wir daran teilhaben dürfen!
    Liebe Grüße,
    Mirjam und Balu

    1. Danke, dass du dir die Zeit zum lesen genommen hast. Sich selbst zu reflektieren habe ich echt erst spät gerlent bzw verstanden. Aber besser spät also nie, oder ?
      Liebe Grüße,

      Carly

  2. Wow, das hast du richtig schön und auch ehrlich geschrieben.
    Schade das man manche Sachen erst so spät wahrnimmt oder?
    Meine Mama hat früher in einer Werkstatt für Behinderte in der Küche gearbeitet und ich war öfter da und habe auch soziale Tage da verbracht.
    Ich habe ganz großen Respekt vor allen die damit arbeiten und umgehen.

  3. Wie toll und ehrlich du das geschrieben hast. Vor allem auch, dass man keine Berührungsängste haben muss gegenüber “behinderten”.

    In meiner Klasse hatten wir ein Mädchen im Rollstuhl und haben uns selbstverständlich um sie gekümmert. Begleitung in die anderen Räume und zur Toilette gehörten dazu.

    Und in der Familie haben wir zwei geistig behinderte Mitglieder, da ist man mit aufgewachsen und es ist nichts außergewöhnliches.

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